Feminismus contra Mode

Mode und Feminismus

 

 

Anfang der 80er Jahre kam eine Umfrage der Zeitschrift Emma zu dem Ergebnis, daß die Sorge um dasAussehen bei ihren Leserinnen nach wie vor eine große Rolle spielte. Protestierten die Feministinnen der 70er Jahre noch gegen die „Versklavung der Frauen durch Schönheits- und Modenormen" und betrachteten sie die Mode noch als „Mittel zur Unterdrückung, Objektivierung, Spaltung und Verdummung von Frauen", so scheinen nun auch Feministinnen dazu bereit zu sein, Mode als ein Mittel der Selbstverwirklichung und -bestimmung anzunehmen. Gegen Mode als selbstbestimmtes, individuelles Ausdrucksmittel ist auch aus feministischer Sicht nichts einzuwenden. Alice Schwarzer plädiert in Emma für „würdevolle, bequeme Kleider, in denen große Schritte gemacht werden können." Feministinnen behaupten, sich nur „für sich selbst" gut zu kleiden. Aber - ist es möglich, Mode aus dem sozialen Kontext auzuklammern und auf eine rein individuelle Ebene zu heben?

Mode ist nach Beaudrillard ein „universalisierbares Zeichensystem, das alle anderen unter seine Gewaltbringt, so wie der Markt alle anderen Tauschweisen eliminiert". Die Zeichen der Mode sprechen eine Sprache der Abgrenzung oder Zugehörigkeit, eine Sprache der Anpassung oder der Revolte. Die Wahl der Kleider könnte somit als eine symbolische Politik betrachtet werden. Allerdings mache frau sich durch die Modesucht auch „zur Komplizin des kapitalistischen Warenfetischismus". (Isabelle Graw)

Im gesellschaftlichen Spiel des „Sehens und Gesehenwerdens" ist es so, daß Frauen sich dem vorherrschenden männlichen Blick preisgeben. Sie lernen von Anfang an, sich selbst ständig zu beobachten und zu kontrollieren, ob sie den Erwartungen der fremden Blicke entsprechen. Sie inszenieren sich für die Blicke der anderen, die sie längst als den eigenen Kodex verinnerlicht haben, so daß sie immer (männlicher)

Beobachter und (weibliche) Beobachtete, Subjekt und Objekt in einer Person sind.

Genau an dieser Grenze zwischen Subjekt und Objekt stellt sich die Frage nach Selbst- und Fremdbestimmung. Die Oberfläche des modisch inszenierten Körpers ist die Fläche der Projektion und Präsentation der gesellschaftlichen Verhältnisse.

Models spielen in diesem Szenarium immer mehr die Rolle von Vorbildern und Identifikationsfiguren. Sie haben großteils das Bild der dummen Puppe abgelegt, und den Status eines Stars mit Persönlichkeit erlangt. Inwieweit aber Stars in einer patriarchalischen Gesellschaft gemacht und geprägt werden von deren Wünschen ist eine andere Frage. Und inwieweit Frauen sich unbewußt diesen Maßstäben unterwerfen, und dabei der Illusion unterliegen, selbstbestimmt zu agieren, ist noch eine Frage ....

Nirgendwo sonst ist die Benachteiligung von Frauen so krass wie im Bereich der bildenden Kunst. Der Anteil von Künstlerinnen bei internationalen Großausstellungen liegt bei ca. 9%. Bei führenden Galerien und Kunstmessen bei 14%. Innerhalb von 17 Jahren gab es im Museum des 20. Jahrhunderts in Wien 93 Einzelausstellungen, davon nur 2 von Künstlerinnen. Dabei sind aber die Hälfte aller AbsolventInnen

von Kunsthochschulen weiblich. Diese Zahlen sprechen für sich.

„Sich ein Bild zu machen" war schon immer geprägt von der Dominanz des männlichen Blicks. Der männliche Maler setzte die Muse (möglichst nackt) aufs Bild und stattete sie mit den Attributen seines Begehrens aus. Als die „Musen" sich aus der erstarrten Haltung befreiten, und begannen sich selbst als Künstlerinnen zu definieren, stießen sie auf erhebliche gesellschaftliche Widerstände. Feministische Künstlerinnen reagieren darauf. Sie bestehen auf einer Abgrenzung gegen den Begriff „Frauenkunst". Sie lehnen die patriarchalisch bestimmte Kultur ab.

Der Gefahr einer Verghettoisierung einer Kunst von Frauen, wie sie eben in dem Begriff „Frauenkunst" enthalten ist, sind sich feministische Künstlerinnen voll bewußt.

Auch gegenüber der Zuordnung zu einer spezifisch „weiblichen Ästhetik" sind einige feministische Künstlerinnen sehr skeptisch, weil sich die Inhalte und Formen ihrer alternativen Eigenheit wiederum nur durch Abgrenzung zur „typischen Männerkunst" hin definiert, und damit die Doppelbödigkeit der geschlechts- und gesellschaftsspezifischen Unterdrückung und Entfremdung des Menschen im Kapitalismus verleugnet.

Die Domäne des Körpers galt schon seit jeher als die der Frau. Mode, Tanz und Schauspielkunst sind durch weibliches Schöpfertum belegt. Auch in der bildenden Kunst sind die körpergebundenen Manifestationen vorherrschend. Feministische Künstlerinnen sind sich aber der Gefahr der Zuordnung zur „Naturnähe" bewußt, was Simone de Beauvoir in ihrem berühmt gewordenen Statement „Die Natur der Frau ist eine Falle" treffend formulierte. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Körperlichkeit ist dabei eine Gratwanderung

zwischen Selbst- und Fremdbestimmtheit.

Feministisch bewußte Künstlerinnen der 70er Jahre wie Valie Export, Ulrike Rosenbach, Judy Chikago, Annette Messager oder Gina Pane haben begonnen, gerade im dem Bereich, wo Frauen am meisten von Mythen und Schönheitsvorstellungen manipuliert werden, ein selbstbestimmtes „Gegenstatement" zu entwerfen.

Während im feministischen Aktionismus Frauen versuchten, die Körperlichkeit neu zu definieren, nämlich ihr Erscheinungsbild selbst bestimmten und sich dem männlich voyeuristischen Blick verweigerten, scheint sich die Entwicklung in der jüngeren Geschichte wieder umzukehren. Schönheitschirurgie und Eßstörungen, sowie die Darstellung des eigenen Körpers als absichtlich den voyeuristischen Blick befriedigend, sind weit verbreitete Themen im künstlerischen Kontext geworden. Dieses scheint symptomatisch für die gesellschaftliche Entwicklung geworden zu sein. Frauen unterwerfen sich scheinbar freiwillig dem vorgegebenen Schönheitsideal. Fremdbestimmheit wird nicht einmal mehr als solche wahrgenommen. Sie zu entlarven ist ein Tabubruch.

Aber: Tabus haben immer schon der Erhaltung bestehender Machtverhältnisse gedient. Und diese zu brechen war schon immer eine wichtige Voraussetzung für Entwicklung. Vielleicht ist die Zeit dazu wieder einmal reif.

 

2000