Zur Dialektik der Mode

Zur Dialektik der Mode

Mode als Phänomen

Nur oberflächliche Menschen urteilen nicht nach dem äußeren Erscheinungsbild. Das Geheimnis der Welt ist das Sichtbare, nicht das Unsichtbare.
Oscar Wilde

Dieses Zitat von Oskar Wilde ist eine Provokation gegen alle Vorurteile der sogenannten Intellektuellen gegenüber der Mode. In akademischen und politischen Kreisen galt und gilt Mode immer noch als Inbegriff von Eitelkeit und Oberflächlichkeit. Das Diktat der Mode verführe die Menschen dazu, unreflektierte Konsumenten zu werden, die nur mehr willenlos dem glamourösen  Bild von Hochglanzmagazinen hinterherlaufen.
Jedoch schon Honore de Balzac schrieb im Vorwort zu seiner menschlichen Komödie. “Das Leben ist unsere Kleidung”.
Tatsächlich ist die Erfindung der Nähnadel, so der Modehistoriker James Laver, eine Innovation in der Menscheitsgeschichte gewesen, die vergleichbar ist mit der Erfindung des Rades und der Entdeckung des Feuers. Die Nähnadel ermöglichte den Menschen ihren Körper nicht nur mit Stoffen zu drapieren, sondern durchdacht zu konstruieren. Erst die Erfindung dieses Werkzeugs ermöglichte eine Inszenierung des Körpers, die über ein rein funktionelles Sich Einkleiden hinausging.
Soziale Abgrenzung, Darstellung der Individualität, Schutz und erotische Verführung waren seither die mehr oder weniger verborgenen Motive des Modischen. Darüber hinaus entspricht das ästhetische Vergnügen am Wechsel der äußeren Formen und die Lust am immer Neuen einem essentiell menschlichen Wesenszug. Die an der Oberfläche des Körpers getragene Hülle wird zu einem wesentlichen Faktor der Selbstdarstellung und damit auch der nonverbalen Kommunikation.
“Der Geschmack paart die Dinge und Menschen, die zusammengehören”, behauptet der Soziologe Pierre Bourdieu in “Die feinen Unterschiede”.
Die Mode stellt eine Sprache jenseits von Herz und Gemüt bereit, einen ästhetischen Code, den anzuwenden es Geschmack und Intelligenz braucht, den auszuwählen ein Charakter vorauszusetzen ist.
Mode ist nach Beaudrillard ein „universalisierbares Zeichensystem, das alle anderen unter seine Gewalt bringt, so wie der Markt alle anderen Tauschweisen eliminiert“. Die Zeichen der Mode sprechen eine Sprache der Abgrenzung oder Zugehörigkeit, eine Sprache der Anpassung oder der Revolte. Die Wahl der Kleider könnte somit als eine symbolische Politik betrachtet werden. Allerdings mache frau sich durch die Modesucht auch „zur Komplizin des kapitalistischen Warenfetischismus“. (Isabelle Graw)
Das englische Wort mode bedeutet wörtlich übersetzt Art und Weise, oder Methode und auch Brauch.
Mode (aus lat.: modus - Art) bezeichnet die in einem bestimmten Zeitraum und einer bestimmten Gruppe von Menschen als zeitgemäß geltende Art, bestimmte Dinge zu tun, Dinge zu benutzen oder anzuschaffen, sofern diese Art, etwas zu tun, nicht von großer Dauer ist, sondern im Verlauf der Zeit infolge gesellschaftlicher Prozesse immer wieder durch neue - dann als zeitgemäß geltende - Arten revidiert wird, sofern sie also zyklischem Wandel unterliegt.
Mit Moden werden also in der Regel eher kurzfristige Äußerungen des Zeitgeistes assoziiert. Vergleichsweise längerfristige Äußerungen des Zeitgeistes, die sich über mehrere Modewellen hinweg in positiver Bewertung halten können, gelten nicht als Mode, sondern als Klassiker.
Es wirken eine Reihe von Grundbedürfnissen zusammen, aus denen die Mode Erscheinungen psychologisch erklärt werden können: Das Grundbedürfnis nach Beachtung, das Bedürfnis nach Anerkennung und die Sehnsucht, sich selbst und Anderen zu gefallen. Weiterhin wichtig sind die Bedürfnisse nach Abwechslung und Individualität, wobei letzteres mit dem Wunsch nach Konformität im Widerspruch zu stehen scheint.
Alle Erklärungsmuster greifen dennoch zu kurz: denn Mode ist ein hoch-komplexes gesellschaftliches Phänomen, das seine Wurzeln in sehr unterschiedlichen individuellen und kollektiven Bedürfnissen hat. Als Prozess beschreibt Mode den Prozess der gesellschaftlichen Veränderung dieses Zeitgeschmacks bzw. dieser Überzeugungen. Mode ist in diesem Sinne ein gesellschaftlicher Prozess der Auf-, Um- und Neubewertung von Gegenständen materieller und ideeller Art, und somit eine Erscheinung der Kultur.

Mode als Schule

Schon 1905 betrachtete der Philosoph und Soziologe Georg Simmel die Mode als eine Schule, in der die Frauen die Darstellung von Empfindung und Gestik lernen, die erst die Voraussetzung schafft für ihre intellektuelle Entwicklung.
Insofern ist Mode auch als Schule der Frauen- und mittlerweile auch der Männer -  zu verstehen, in einem sehr umfassenden Sinne. Spezifischen Fähigkeiten sollen dabei besonderes Augenmerk geschenkt werden.
Allgemeinbildung geht einher mit der Entwicklung von Stilbewußtsein, eine genaue Beobachtungsgabe korrespondiert mit der Fähigkeit der Interpretation und das Erkennen von Qualität schärft den Fokus auf das Wesentliche.
Eine DesignerIn arbeitet an der Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis, zwischen Idee und Umsetzung, zwischen Vergangenheit und Zukunft. Und nicht zuletzt an der Umsetzung vom 2-dimensionalen ins 3-dimensionale.
StudentInnen auszubilden, die die Absicht haben, Modedesign zu ihrem Beruf zu machen benötigen deshalb eine Ausbildung auf vielen Ebenen.
Neben einer fundierten Allgemeinbildung, Fremdsprachen, unternehmerischen know-how, historischem Wissen sollte die künstlerische Ausbildung im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Das gestaltende Arbeiten, das sich ja letztlich in der Achse zwischen Kopf und Hand vollzieht, bedarf einer besonderen Schulung. Und dabei geht es vor allem um das Be-greifen im wahrsten Sinn des Wortes.
Etwas be-griffen haben, ist nicht nur eine bildliche Analogie mit dem tatsächlichen Greifen, die Kultur des Denkens setzt eine tatsächliche Kultur der Hand voraus, einen Umgang mit der Hand als einem subtilen, sensitiven Organ.
“Wenn die Hand sich entfalten darf, wenn sie nicht nur arbeitet, sondern auch spielt, wenn sie Wahrnehmungen erfühlt, wird sich auch der Geist freier entfalten.  Die Plastik der Hand ist die Plastik des Denkens. Der Begriff ist das Begriffene,” wie Ottl Aicher schon sagte.
Kaum eine andere Sparte des Designs arbeitet außerdem so direkt mit den Begrifflichen und haptischen Sensibilitäten wie der/die ModedesignerIn. Die Sinnlichkeit eines Materials ist von entscheidendem Einfluss auf die Idee.
Die Verbindung von Denken und Tun ist die tägliche Aktivität des Künstlers wie des Designers.
Der Architekt Renzo Piano schreibt: “Um diese wahre, wilde Kreativität zu erlangen, braucht es eine tägliche, systematische, bescheidene Praxis. Wenn du nicht die Bescheidenheit, das methodische Arbeiten, die Regelmäßigkeit, das Suchen nach dem kompetenten Beherrschen der Werkzeuge akzeptierst, wirst du weder erfinderisch noch kreativ noch letztlich aufrichtig in deinem Handwerk sein. “
Das darüberstehende Motto einer ModeschülerIn sollte, frei nach Buckminster Fuller lauten: “Doing the most with the least!”

Mode als politisches Statement

Die heutige Verbreitung von Moden ist durch den Massenkonsum geprägt, wobei Werbung und Massenmedien eine wichtige Rolle spielen. Es lassen sich klare Globalisierungstendenzen in der Mode beobachten.
Dem entgegengesetzt entwickelt sich zunehmend eine Art Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion. Independentlabels in Musik und Mode florieren, am Zeitschriftenmarkt entwickelt sich eine größere Vielfalt und die Wiederbelebung alter, längst ausgestorben geglaubter Handwerkstechniken geht voran. Gegen den Massenkonsum der Globalisierung etabliert sich immer mehr die Wertschätzung von fair gehandelten Produkten und Bio Produkten. Die Kosumenten wollen sich nicht mehr länger mit billiger Massenware abspeisen lassen und damit einen hohen Preis an Umweltverschmutzung und unfairer Verteilung der Ressourcen gefallen lassen.
Anti Konsumismus ist eine dialektische Veranstaltung.
Im Jahr 2000 war Naomi Kleins Statement “no logo!” Trendsetter dieser Bewegung. Sie war eine der ersten, die den Siegeszug der Superbrands kritisierte und auf die globalen Produktionsbedingungen aufmerksam machte.
Im Sommer 2008 erschien ein Buch mit dem Titel “Marke Eigenbau”. Untertitel: “Der Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion” von Holm Friebe und Thomas Ramge.
Ihr Plädoyer für die “ Marke Eigenbau” ist die praktisch umgesetzte Fortsetzung der “no Logo!” Kritik an der unvermeintlichen Übermacht der Superbrands und den dahinter verborgenen Produktions- und Ausbeutungsverhältnissen. Marke Eigenbau analysiert den neuen Trend zum Selbermachen. Das neue “maker Movement” zeigt sich im Amerika des Jahres 2008 in vielen Facetten. Die Messe “Maker Fair”in Kalifornien zählte Ende 2007 45000 Teilnehmer, die aus privaten Bastlern, Schraubern und Hackern bestand.. Während der organisierende Veranstalter und Herausgeben der Zeitschrift “make” ein vorwiegend technisch interessiertes Puplikum anspricht, erschien im Jahr 2006 im selben Verlag ein Magazin mit dem Titel “Craft”, mit einem Schwerpunkt auf dekorativen und angewandten Künsten. Unter Berufung auf die angelsächsische Arts-and-Crafts Bewegung aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts werden hier alte Handwerks- und Handarbeitstechniken wieder neu belebt. Der Verschmelzung von  traditionellem Handwerk, bildender Kunst und Produktdesign, der in unseren Breiten als antiquiertes Kunsthandwerk oder Handarbeit geringe Wertschätzung erfährt, steht im angelsächsischen im Untertitel der Zeitung “Craft” “transforming traditional crafts” gegenüber. Also die Transformation des Traditionellen. Diese craft Bewegung ist in Amerika seit Mitte der 90er Jahre im vollen Gange. Entgegen jeglicher Vorstellung von Kulturkonservativismus trafen sich junge, moderne Menschen in Handarbeitszirkeln, um alte Kulturtechniken wie Nähen, Sticken, Stricken und Häkeln wieder neu aufleben zu lassen. Einer der stärksten Impulse hinsichtlich dieser Bewegung waren in der Tat post- und popfeministische Kreise, die sich in subversiver Absicht wieder aneigneten was ihre feministisch sozialisierten Mütter gemieden hatten wie der Teufel das Weihwasser. Und genau mit diesem Tabubruch erregten sie Aufmerksamkeit. Nicht mehr Mittel zur Domestizierung der Frau ist diese Art von “Handarbeitsrevolution”, sondern aus freien Stücken und Vergnügen gewählte Betätigung bedeutet für diese dritte Generation der Frauenbewegung das do it yourself Prinzip. Selbst Schere und Nadel zu zücken ist also auch ein Statement gegen kapitalistische Verwertungskreisläufe.
Befeuert wurde die Crafting Bewegung Ende der neunziger Jahre auch durch das Aufkommen von Internet. 1998 entstand die Website getcrafty.com und versammelte alle “craftistas” im www.
“Ich wäre nicht überrascht, wenn in Zukunft ein eigenes Label zu besitzen ähnlich selbstverständlich ist, wie es heute ein eigenes blog ist”, prognostiziert Ulla Muntanen, eine Forscherin an der Universität Helsinki, die außerdem eine offene Datenbank für designte Dinge und deren Geschichten entwickelt hat. (www.thinglink.com)
Es scheint, dass anstelle von “No Logo” eine andere mächtige Einflussgröße tritt, nämlich die my- Logo Bewegung.
Es ist die kollektive Antwort von vielen IndividualistInnen auf das Diktat der Marken so etwas nennt man wohl Dialektik.

Mode als Akt der Emanzipation

Frei nach der Parole “Ich kleide mich, also bin ich!” birgt die Mode auch ein wichtiges Element der Selbstbefreiung und - bestimmung in sich. Die weibliche Emanzipation beginnt beim Körper, eine Tatsache, die historisch sehr gut am Übergang vom Korsett zum Reformkleid zu erkennen ist.
Die Revolution leitete - nach den höfischen Modistinnen - Coco Chanel am Anfang des 20. Jahrhunderts ein, als sie als erste Frau Mode für Frauen kreierte und damit begann, aus Männerkleidern Frauenkleider zu machen. Seither ist die Entwicklung zum Unisex, zur Nivellierung der geschlechtlichen Markierung unaufhaltsam.
Jil Sander mit ihrem Fokus auf Schnitt und Qualität, setzt den gender angenäherten Stil nach Chanel fort. Die berufstätige, unabhängige Frau, die selbstbewusst ihr Qualitätsbewusstsein am Leib trägt, ist zur modischen Protagonistin im 21. Jahrhundert geworden.
Kleidung ist für die moderne und berufstätige Frau eine essentielle Nebensache. Denn nur die perfekte Kleidung kann zugunsten wichtigerer Dinge vergessen werden. Unvollkommene Kleidung bringt sich ständig in Erinnerung, zwingt die Trägerin, sich mit der Frage auseinanderzusetzen: was ziehe ich wann an? und zieht die Energien von den eigentlichen Aufgaben des Lebens ab.
Aus pragmatischer Perspektive gesehen ist Mode heutzutage eine notwendige Basis für das Funktionieren des Alltags. Neben der sowohl physischen als auch psychologischen Schutzfunktion der Bekleidung soll diese selbstverständlich auch den individuellen Stil der Trägerin beschreiben. So bewegt sich die tägliche Modeentscheidung im wesentlichen um zwei Pole: a)Anpassung an den gesellschaftlichen Code einerseits und b)Anspruch auf eine individuelle Ausdrucksmöglichkeit der eigenen Persönlichkeit andrerseits. Der Akt des Ankleidens ist deshalb ein Moment des Jetzt an der unmittelbaren Schwelle zur Zukunft. Chanel hat den Akt des Modeschöpfens als “l’art de capter l’air du temps” bezeichnet.
Ohne die komplementären Bedürfnisse von Zugehörigkeit und Abgrenzung, Konformismus und Individualismus, Expression und Tarnung, Exhibitionismus und Verhüllung ist das Phänomen sicherlich nicht erklärbar.

Dennoch ist das nur ein Teil der Ursachen von Mode. Unüberschaubar viele individuelle Faktoren kommen dazu. Beispielsweise die persönliche Bedeutung konkreter aktueller Modethemen und -bilder für die individuelle Persönlichkeit und die entsprechende Lebenserfahrung. Mode ist oft ein sehr persönlicher Ausdruck des individuellen Lebensgefühls, einer aktuellen Stimmung oder von Sehnsüchten, Träumen und Visionen. Insofern ist Kleidung dann auch ein alltägliches Rollenspiel oder Rollen-Einnehmen. Ein Sich-Aneignen erträumter Rollen. Aber auch das ist nur ein Beispiel, das auch jenseits des Bereichs Kleidung anwendbar ist.
In vergangenen Zeiten galt die Mode wesentlich stärker als Merkmal der Standeszugehörigkeit als gegenwärtig. Heute ist Mode vor allem ein Mittel der Selbstdarstellung und Individualisierung, Ausdruck des Lebensstils.

Die Rollen der Frau als Mutter, Ehefrau, Freundin, Geliebte, Berufstätige, Sportliche, Besucherin von Kulurveranstaltungen - frau erfindet sich immer wieder neu. Die Mode ist dabei ein Instrument zu Authentizität. Frauenzeitschriften  erklären diese Themen zum Inhalt.
 Die Mode der Frauen bietet dabei eine wesentlich größere Bandbreite an Möglichkeiten als die der Männer. Nicht nur die Frage, ob Rock, Hose oder Kleid, auch die Rocklänge, die Materialien, die Farbkombinationen, Schnitt, die Details, die Variation der Kombination der Teile, Schmuck, Accessoires, Frisur, styling muss ständig neu überlegt und geprüft werden. Jeder Faktor, der nicht stimmt, kostet Energie und Aufmerksamkeit.
Feministinnen traten schon immer gegen diese den Frauen zugeschriebene Dominanz der Selbstinszenierung an. Gleichgültigkeit gegenüber der Mode hatte im feministischen Diskurs immer oberste Priorität. In  Korrelation mit dem Erwerben der gleichen Rechte wie die Männer wurde das wichtigstes Kriterium der von Frauenrechtlerinnen geforderten Mode die Bewegungsfreiheit. Die Nivellierung des Alltagsoutfits an das des Mannes drückte sich im Hosenanzug, bzw. Kostüm für die emanzipierte Frau aus. “Die Schuhfabrikanten machen Frauenschuhe zum Stehenbleiben. Dabei brauchen wir eher Schuhe zum Davonlaufen” sagt Alice Schwarzer

Zeitgenössische Designer als Exempel

Die aktuelle Mode ist immer eine Kombination aus Herkömmlichem, Traditionellem und Vorübergehendem. Als Status Quo bezeichnet Mode den Geschmack bzw. die Überzeugungen, die aktuell innerhalb einer Gesellschaft oder einer gesellschaftlichen Gruppe vorherrschen. Sie bezeichnet zugleich einen Prozess als auch aktuellen Status Quo.

Das Designer Ehepaar Francoise und Marthe Girbaud entwirft Mode für Männer und Frauen. Ihre Philosophie spielt mit einem sehr breiteren Spektrum an Variationen. Girbaud spiegelt die Vielfalt an Einflüssen in der globalen Gegenwart wieder. Zitate aus traditionellen Elementen wie Trachten werden geschickt mit high tech Materialien gebrochen. Unkonventionelle Schnittführungen korresponieren mit raffinierten Details. Girbaud ist sophisticated, denn es spielt mit ironischen Anspielungen an die Modegeschichte, bricht Geschlechter Stereotypen auf und modelliert den Körper wie eine Skulptur. Girbaud richtet sich an die Zielgruppe von unabhängigen, qualitätsbewußten KonsumentInnen, die genug Selbstbewußtsein für Provokation besitzten.

Ähnlich auch Rei Kawakubo von “comme des garcons”. Wichtig sind in ihren modischen Statements Brüche von Sehgewohnheiten, Witz, Ironie und Pathos.
Die ethymologische Wurzel des Wortes Mode steht in direkter Verbindung zur Moderne. Das Leben ist “in sachlicher Hinsicht eine Mischung von Zerstören und Aufbauen, in dem Vernichten einer früheren Form gewinnt ihr Inhalt seinen Charakter” (Georg Simmel)
Wenn von Mode als Status Quo die Rede ist, schwingt immer diese Assoziation von Prozesshaftigkeit mit. Dekonstruktion ist ein wesentliches Mittel am Weg zu neuen Formen. Avantgardistische Designer wie  Martin Margiela stehen dafür. Die Brechung des herkömmlichen Ästhetikbegriffs ist Voraussetzung für neue formale Lösungen. Und so gesehen ist das ständige Erneuerungsspiel in der Mode ein Synonym für den Zyklus von Verfall und Regeneration des Lebens.

Abschließend noch ein persönliches Statement:
Auch ich war in meiner Kindheit und Jugend als Tochter zweier kritischer Mediziner mit einer strikt modekritischen Haltung meiner Eltern konfrontiert. Was den Effekt hatte, dass ich sehr früh begann, mir meine eigene Mode zu kreieren. Und vielleicht gerade deshalb ist die Mode meine Leidenschaft und ein Weg zur Befreiung geworden - nicht zuletzt der von Vorurteilen.

Literaturverzeichnis

Barbara Vinken: Mode nach der Mode. Geist und Kleid am Ende des 20. Jahrhunderts, Frankfurt am Main, 1993
Gertrud Lehnert: Frauen machen Mode, Dortmund, 1998
Gertrud Lehnert: Mode, Weiblichkeit und Modernität, Dortmund, 1993
Georg Simmel: Philosophie der Mode, Frankfurt am Main, 1995
Nikolas Luhmann: Schriften zu Kunst und Literatur, Frankfurt am Main, 2008
Hannelore Schlaffer: Mode, Schule der Frauen, Frankfurt am Main, 2007
Pierre Bourdieu: die feinen Unterschiede, Frankfurt am Main, 1982
Naomi Klein: No Logo!, München 2001
Holm Friebe und Thomas Ramge: “Marke Eigenbau”, Frankfurt am Main, 2008
Otl Aicher, Robert Kuhn, Greifen und Griffe, aus: Peter Erni u. A.: Transfer, Lars Müller Verlag