romANTIsch?

romANTIsch?

Unsere technisierte Gesellschaft braucht Romantik!

„Die Romantik lässt sich präzise weder in der Wahl ihrer Inhalte noch in exakter Wahrheit bestimmen, sondern nur in der Art und Weise des Fühlens.“ Charles Baudelaire

Das Thema Romantik ist allgegenwärtig. Wir begegnen ihr im Film, in der Literatur, in der Poesie, in der Musik, in der Mode – und besonders  augenfällig – in der Werbung. Nur – die bildende Kunst der Gegenwart begibt sich gerne in sichere Distanz zu romantischen Sujets.

Die Ausstellung romANTIsch? wurde unter dem Motto „widerständig“ für das Künstlerhaus Wien konzipiert.

In einer Zeit des Materialismus und der Gewinnmaximierung kann eine romantische Position als Antipode zum allgemein herrschenden Glauben an permanentes Wachstum und Profitgier verstanden werden. romANTIsch? thematisiert die Ambivalenz zwischen ersehntem Vertrauen in Gefühl und Intuition einerseits und deren kritischer Hinterfragung andererseits. Der Spannungsbogen zwischen technik-fixierter Gegenwart und dem Blick zurück in die Ära einer mit allen Sinnen fühlenden Romantik wird ausgelotet.

Die Kunst erfordert, heute mehr denn je, das Eintauchen in eine andere Welt, eine Welt, in der es um Hingabe und Selbstvergessenheit geht, um einen anderen Umgang mit der Zeit, um Haltungen also, die quer stehen zu den Geboten der Nützlichkeit, Wirtschaftlichkeit, Berechenbarkeit, Bequemlichkeit und Egomanie, zu der wir ansonsten angehalten sind.

Die Künstler, Dichter und Philosophen der historischen Romantik gelten als Repräsentanten der mitteleuropäischen kulturellen Werte des 19. Jahrhunderts. Seit dem Beginn der Moderne haftet dem Romantischen allerdings das Stigma des Sentimentalen, Rückwärtsgewandten und Irrationalen an. Den „großen Gefühlen“ der Romantiker wird mit einer ebenso großen Skepsis begegnet, ihre Werke werden in gefährlicher Nähe zum Kitsch verortet. Aber wird diese abwehrende Haltung dem Anliegen der Romantik gerecht?

Die generationenübergreifenden Traumatisierungen durch die Ereignisse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben ein tiefes Misstrauen gegenüber den Gefühlen und der Intuition hervorgebracht. Aus der Perspektive der Moderne gilt das  Romantische als reaktionär und antimodernistisch.

Die Romantiker von heute leiden an den Widersprüchen der Gegenwart, sind aber gleichzeitig getragen von einer Hoffnung auf eine bessere und vielfältigere Welt. Sie glauben an einen befruchtenden Austausch der Kulturen und Religionen und ziehen diese Vielfalt als Inspirationsquelle heran. Der Blick in die Ferne, die Begegnung mit dem Fremden, wird zur Selbstbegegnung.

Der romantische Geist ist universell. Er liebt die Überraschungen im Alltäglichen, die Extreme, den Traum, das Unbewusste, den Wahnsinn, die Labyrinthe der Reflexion.  Die Künstlerinnen und Künstler der Ausstellung haben jeder für sich einen sehr individuellen Zugang zur Idee des Romantischen gefunden und dabei gänzlich unterschiedliche Formensprachen entwickelt.

„Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es,“ schreibt Novalis und fordert: „Die Welt muss romantisiert werden. Die Welt romantisieren heißt, sie als Kontinuum wahrzunehmen, in dem alles mit allem zusammenhängt. Erst durch diesen poetischen Akt der Romantisierung wird die ursprüngliche Totalität der Welt als ihr eigentlicher Sinn im Kunstwerk ahnbar und mitteilbar."

Romantik ist für Novalis nichts Nebulöses oder sentimental Kitschiges. In den "Fragmenten und Studien" beschreibt Novalis, wie sich scheinbar ausschließende Gegensätze im Prozess der Romantisierung zusammen führen lassen: das Gewöhnliche und das Besondere, das Begrenzte und das Unendliche.

Die Welt zu romantisieren, bedeutet im Sinne von Schlegel und Novalis, jede Lebenstätigkeit mit Bedeutung aufzuladen. Das Leben sollte von Poesie durchdrungen sein. Friedrich Schlegel prägte dafür den Begriff der „romantischen Universalpoesie“. Episches, Lyrisches und Dramatisches soll vermischt werden. Das diskursive Denken – Kritik, Reflexion und Wissenschaft soll ins Kunstwerk hineingenommen werden. Poesie, Wissenschaft, Literatur, Malerei, Musik sind Erscheinungen eines über Allem schwebenden verbindenden Geistes. Novalis beschreibt die  Emotion als Antriebsphänomen des Handelns indem er sagt: „Das dem Gefühl gegebene scheint mir die Urhandlung als Ursache und Wirkung zu sein“.

Die Wirklichkeit des romantischen Geistes konstituiert sich in einer Vielzahl von Möglichkeiten. Jede Wirklichkeit, die auf uns wirkt, basiert auf Möglichkeiten. Daraus entwickelte sich der spielerische Geist der romantischen Ironie. „Das regelmäßige Ideenspiel ist die wahre Philosophie“ notiert Novalis und nennt die Poesie entsprechend dazu ein „Gemütszustandsspiel“. Dieses romantische Spiel begegnet uns heute – ganz unverblümt – in der Welt der Werbung. Die bessere Welt als Möglichkeitsform einer Welt, die durch Konsum erhöht wird. Die Sujets der Werbung appellieren an Emotionen und verborgene Sehnsüchte. Und an dieser Stelle gibt es eine Verbindung zur Kunst. Auch Künstlerinnen und Künstler spielen mit verborgenen Sehnsüchten und Emotionen, allerdings ist ihr Zugang losgelöst von berechnender Verführung, die zu mehr Konsum anregen soll. Das Spiel mit den Möglichkeiten der Ironie ist ein thematischer Faden, der sich durch die Ausstellung zieht. Denn, um mit Friedrich Schiller zu sprechen: „...der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“

Ziel des Spielerischen und der romantischen Sehnsucht ist eine unbedingte Harmonie, ein Zustand aufgehobener Entfremdung. Dieser Zustand aber ist für den modernen Menschen unerreichbar geworden und er kann auch durch die Kunst, die auf Reflexion beruht nur annähernd in Form gebracht werden. Das eigene Schaffen wird beobachtet, der Schaffensprozess geschieht in dem Bewusstsein, sich jederzeit über sich selbst und über das Werk erheben zu können, es damit „aufzuheben“. Das romantische Kunstwerk, das seine eigene Kritik enthält, relativiert sich somit selbst. Selbstschöpfung und Selbstvernichtung halten sich dabei die Waage. Dieses Paradoxon beschreibt die sogenannte „romantische Ironie“, der in dieser Ausstellung eine besondere Beachtung gezollt werden soll.

Romantische Ironie ist notwendig, sie ist die Würze unseres Alltags. Denn – sind wir nicht alle Romantiker?

© Stella Bach